Nicht alle Muskelfasern trainieren gleich: Was eine neue Studie über Krafttraining bei Männern und Frauen zeigt

 



Eine Arbeit aus Kopenhagen hat erstmals gemessen, was acht Wochen Krafttraining mit den Proteinen einzelner Muskelfasern machen – und dabei ein Protein gefunden, das nur in den schnellen Fasern hochgeht.

Du machst deine Kniebeugen, deine Ruderzüge, deine Beinpresse. Was danach in deinem Oberschenkel passiert, beschreiben wir normalerweise mit einem einzigen Wort: Hypertrophie. Der Muskel wird dicker. So weit, so bekannt.

Nur ist „der Muskel“ eine Vereinfachung. Dein Oberschenkel besteht aus zehntausenden einzelnen Fasern, und die sind nicht gleich. Manche sind langsam und ermüdungsresistent (Typ I), andere schnell und kraftvoll, aber schneller erschöpft (Typ II). Bisher hat die Forschung fast immer ganze Gewebeproben untersucht – also alle Fasertypen zusammengerührt. Was dabei herauskommt, ist ein Mittelwert. Und Mittelwerte verschleiern Unterschiede.

Eine neue Studie aus Kopenhagen, im September 2026 in Nature Communications erschienen, hat diesen Mittelwert aufgelöst. Die Forschenden haben einzelne Fasern aus Muskelbiopsien isoliert, nach Typ sortiert und dann gemessen, welche Proteine sich durch Krafttraining verändern. Bei Männern und bei Frauen. Das Ergebnis ist deutlicher, als man erwartet hätte – und es hat praktische Konsequenzen.


1. Wie die Studie aufgebaut war

24 untrainierte Erwachsene – 12 Männer und 12 Frauen – absolvierten acht Wochen betreutes Krafttraining, dreimal pro Woche an nicht aufeinanderfolgenden Tagen. Vor Beginn und drei Tage nach der letzten Einheit wurde eine Muskelprobe aus dem seitlichen Oberschenkelmuskel entnommen.

Aus diesen Proben wurden einzelne Fasern gewonnen, nach Typ I und Typ II sortiert und massenspektrometrisch analysiert. Rund 2.900 Proteine ließen sich verlässlich quantifizieren – pro Fasertyp, pro Geschlecht, vor und nach dem Training. Kraft und Beinmuskelmasse nahmen erwartungsgemäß bei beiden Geschlechtern signifikant zu.

Der methodische Fortschritt liegt genau in dieser Auftrennung. Zum ersten Mal lässt sich sagen: Diese Veränderung passiert in den schnellen Fasern, jene in den langsamen – und nicht bloß „im Muskel“.

2. Das Hauptergebnis: Die Anpassung findet in den Typ-II-Fasern statt

Der Unterschied zwischen den Fasertypen ist kein feiner Nuancenunterschied, sondern ein Größenordnungsunterschied.

Nach 8 Wochen verändert

Männer

Frauen

Typ-I-Fasern (ausdauernd)

7 Proteine

9 Proteine

Typ-II-Fasern (schnell)

101 Proteine

164 Proteine

Lies diese Tabelle einen Moment lang in Ruhe. In den langsamen Fasern veränderte sich nach acht Wochen Krafttraining fast nichts. In den schnellen Fasern veränderte sich ein Vielfaches davon – bei den Frauen sogar noch etwas mehr als bei den Männern.

Das passt zu dem, was wir aus Querschnittsmessungen seit Jahrzehnten kennen: Typ-II-Fasern wachsen unter Krafttraining stärker als Typ-I-Fasern. Neu ist, dass sich dieses Muster jetzt auch auf Proteinebene abbildet – also dort, wo die Anpassung tatsächlich stattfindet.

Und genau hier wird es für die Praxis relevant. Typ-II-Fasern sind die Fasern, die du zuerst verlierst: im Alter, in einer Diät mit zu wenig Eiweiß, bei Bettlägerigkeit und auch unter einer GLP-1-Therapie, wenn das Training fehlt. Wer diese Fasern erhalten will, muss sie erreichen.


3. Männer und Frauen starten mit unterschiedlicher Ausstattung

Der zweite Befund betrifft die Ausgangslage, also den Zustand vor dem ersten Training.

Männliche Fasern enthielten mehr mitochondriale Proteine – über alle Atmungskettenkomplexe hinweg und auch bei den Mitoribosomen. Weibliche Fasern enthielten mehr Intermediärfilamente, vor allem Keratine. Das sind Strukturproteine, die ein Netzwerk bilden und die Z-Scheiben mit dem Zellkern und der Zellhülle verbinden – sie leiten Kraft weiter und übertragen mechanische Information nach innen.

Interessant ist die Verteilung dieser Unterschiede: In den Typ-I-Fasern unterschieden sich gerade einmal 8 Proteine zwischen den Geschlechtern. In den Typ-II-Fasern waren es 141. Die biologischen Geschlechtsunterschiede im Muskel sitzen also fast ausschließlich in den schnellen Fasern.

Was das in einfacher Sprache heißt

Stell dir eine Muskelfaser wie eine kleine Werkstatt vor. Zwei Dinge braucht sie: Strom und ein stabiles Gerüst.

Die Mitochondrien sind der Strom. Es sind winzige Kraftwerke in der Zelle, die mit Sauerstoff Energie bereitstellen – für alles, was länger dauert als ein paar Sekunden. Männer hatten davon von Haus aus mehr in ihren Fasern. Ihre Werkstatt ist also besser mit Energieversorgung ausgestattet.

Die Intermediärfilamente sind das Gerüst. Man kann sie sich wie Spannseile vorstellen, die quer durch die Faser laufen. Sie halten die einzelnen Bauteile an ihrem Platz, geben der Faser Form und leiten Zugkraft weiter – von einem Ende zum anderen und nach innen bis zum Zellkern. Sie sind damit nicht nur Statik, sondern auch Nachrichtenweg: Über sie erfährt der Zellkern, dass gerade Spannung anliegt. Frauen hatten davon mehr, und bei ihnen wurde dieses Gerüst durch das Training auch stärker umgebaut.

Der entscheidende Punkt: Das sind zwei unterschiedliche Grundausstattungen, keine unterschiedlichen Fähigkeiten. Beide Werkstätten können dasselbe Produkt herstellen – Muskelmasse und Kraft. Sie fangen nur an unterschiedlichen Stellen an nachzurüsten. Bei den Frauen hat die Studie sogar mehr veränderte Proteine in den schnellen Fasern gefunden als bei den Männern.

Und noch eine Einordnung, die in solchen Meldungen gern verloren geht: Das sind Durchschnittswerte zweier Gruppen mit je zwölf Personen. Die Streuung innerhalb einer Gruppe ist größer als der Unterschied zwischen den Gruppen. Es gibt also Frauen mit mehr Mitochondrien-Proteinen als so mancher Mann – und umgekehrt. Für die Person vor dir im Studio sagt der Gruppenunterschied wenig aus.

Nach dem Training zeigte sich derselbe Schwerpunkt: Der auffälligste geschlechtsspezifische Unterschied in der Anpassung betraf wiederum die Intermediärfilamente, die bei den Frauen stärker umgebaut wurden. Bei den Männern wurden zusätzlich mitochondriale Prozesse in den Typ-II-Fasern hochgefahren.

Was daraus nicht folgt: dass Frauen ein anderes Training bräuchten. Die Unterschiede betreffen die Ausstattung, nicht das Prinzip. Der Reiz, der Typ-II-Fasern erreicht, ist bei beiden Geschlechtern derselbe.

4. CSRP3: das Protein, das nur in schnellen Fasern hochging

34 Proteine wurden sowohl bei Männern als auch bei Frauen in den Typ-II-Fasern reguliert. Eines davon hat die Forschungsgruppe besonders interessiert: CSRP3, auch bekannt als Muscle-LIM-Protein.

CSRP3 ist ein Mechanosensor. Es sitzt an der Z-Scheibe des Sarkomers – also genau an der Stelle, an der beim Training Zugkräfte anliegen. Registriert es mechanische Belastung, wandert es in den Zellkern und interagiert dort mit muskelspezifischen Transkriptionsfaktoren wie MyoD, MRF4 und Myogenin. Vorarbeiten zeigen: Fehlt CSRP3 im Zellkern, bleibt der belastungsinduzierte Proteinaufbau in Muskelzellkulturen aus. Wird es in Zellen ausgeschaltet, stockt die Differenzierung von Satellitenzellen.

Die Kopenhagener Gruppe hat den Befund nicht bei der Beobachtung belassen, sondern ihn im Tiermodell geprüft: Wurde CSRP3 bei Mäusen künstlich überexprimiert, nahm die Muskelmasse zu. Ohne Training.

Damit hat man einen plausiblen Kandidaten für die Frage, warum ausgerechnet die Typ-II-Fasern so viel stärker auf Krafttraining reagieren: Die Signalkette, die mechanische Spannung in ein Wachstumssignal übersetzt, wird dort gezielt hochgefahren.

5. Der Reiz allein reicht nicht: die Rolle der Ribosomen

Ein vierter Befund rundet das Bild ab. Die Forschenden haben geprüft, welche Proteine am stärksten mit dem tatsächlichen Faserwachstum zusammenhängen. Die Antwort: Ribosomen, Initiationsfaktoren und Elongationsfaktoren – also die Maschinerie, mit der die Zelle Eiweiß herstellt.

Diese Kapazität unterschied sich zwischen Fasertypen und zwischen den Geschlechtern. Das ist ein Hinweis darauf, warum Menschen auf identisches Training unterschiedlich stark ansprechen: Es hängt nicht nur davon ab, wie gut das Signal ankommt, sondern auch davon, wie viel Produktionskapazität die Zelle hat, um dieses Signal umzusetzen.

Praktisch übersetzt: Der Reiz eröffnet das Zeitfenster, das Baumaterial füllt es. Wer hart trainiert, aber zu wenig Eiweiß isst, hat den ersten Teil erledigt und den zweiten nicht.


6. Was das für dein Training bedeutet

   Der Reiz muss bei den Typ-II-Fasern ankommen. Nach dem Größenprinzip werden diese Fasern erst bei hoher Last oder bei hoher Anstrengung nahe der Erschöpfung rekrutiert. Zügiges Gehen, lockeres Radfahren oder Sätze mit acht Wiederholungen im Tank erreichen sie nicht zuverlässig.

   Frauen brauchen kein „anderes“ Training. Die Studie zeigt Unterschiede in der Ausstattung, nicht in der Reizantwort. Im Gegenteil: In den Typ-II-Fasern der Frauen wurden sogar mehr Proteine reguliert als bei den Männern. Schwer, progressiv, mehrgelenkig gilt für beide.

   Muskelerhalt ist Typ-II-Erhalt. Wenn du in einer Diät bist, eine GLP-1-Therapie begleitest oder in den Wechseljahren stehst, geht es nicht um „irgendwie Bewegung“. Es geht um den Reiz, der genau die Fasern trifft, die sonst zuerst verschwinden.

   Eiweiß ist kein Zusatz. Die Korrelation mit der Translationsmaschinerie unterstreicht, was in der Praxis oft untergeht: Ohne ausreichende Proteinzufuhr läuft der eingeschaltete Wachstumsapparat leer.

   Erwarte kein Supplement. CSRP3 lässt sich nicht schlucken. Der Weg, es hochzuregulieren, ist derselbe wie eh und je: mechanische Spannung, regelmäßig, über Wochen.

Was die Studie nicht zeigt

Es handelt sich um eine mechanistische Arbeit mit 24 jungen, untrainierten Erwachsenen über acht Wochen. Daraus lässt sich kein Trainingsprotokoll ableiten und keine Aussage über Ältere, Trainierte oder Erkrankte.

Der Effekt von CSRP3 auf die Muskelmasse wurde an Mäusen gezeigt, nicht am Menschen. Beim Menschen ist bislang belegt, dass CSRP3 durch Training in Typ-II-Fasern hochreguliert wird – nicht, dass diese Hochregulation den Muskelzuwachs verursacht.

Und wie immer bei Biopsiestudien: Gemessen wurde ein einzelner Muskel, drei Tage nach der letzten Einheit. Andere Muskeln und andere Zeitpunkte können ein anderes Bild ergeben.

Fazit

   Acht Wochen Krafttraining veränderten in den Typ-I-Fasern 7 (Männer) bzw. 9 (Frauen) Proteine – in den Typ-II-Fasern 101 bzw. 164. Die Anpassung an Krafttraining ist ganz überwiegend eine Typ-II-Angelegenheit.

   Männer und Frauen starten mit unterschiedlicher Proteinausstattung: mehr Mitochondrien bei Männern, mehr Intermediärfilamente bei Frauen. Diese Unterschiede sitzen fast ausschließlich in den Typ-II-Fasern (141 gegenüber 8 Proteinen).

   Das Protein CSRP3 wurde bei beiden Geschlechtern ausschließlich in Typ-II-Fasern hochreguliert. Es übersetzt als Mechanosensor Spannung in ein Wachstumssignal; im Mausmodell erhöhte seine Überexpression die Muskelmasse.

   Am stärksten mit dem Faserwachstum korrelierte die Translationsmaschinerie – Reiz und Baumaterial gehören zusammen.

   Für die Praxis ändert sich nichts Grundsätzliches, aber die Begründung wird schärfer: Es braucht Last und Anstrengung, die die schnellen Fasern erreichen – bei Männern wie bei Frauen.

Quellen

Moesgaard L, Moreno-Justicia R, Schmalbruch J, Jessen S, Stocks B, Andersen NR, Nielsen JJ, Yonamine CY, Treebak JT, Bangsbo J, Prats C, Sylow L, Deshmukh AS, Hostrup M (2026): Sex- and fiber type-specific remodeling of the muscle proteome implicates CSRP3 in resistance training-induced hypertrophy. Nature Communications, 2. September 2026. DOI: 10.1038/s41467-026-77275-9

Vorabveröffentlichung mit ausführlicher Methodik: bioRxiv 2024.09.16.612737 (Muscle fiber proteomics reveals sex- and fiber type-specific adaptations to resistance training). Studienregistrierung: ClinicalTrials.gov NCT04136457.

Deshmukh AS et al. (2021): Deep muscle-proteomic analysis of freeze-dried human muscle biopsies reveals fiber type-specific adaptations to exercise training. Nature Communications 12:304.

Vafiadaki E, Arvanitis DA, Sanoudou D (2015): Muscle LIM protein/CSRP3 – a mechanosensor with a role in autophagy. Cell Death Discovery 1:15010.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Warum braucht man zum Muskelaufbau Proteine UND Kohlenhydrate?

Warum Bergaufgehen effektiver gegen Bauchfett ist als Joggen

Warum ist Kreatin so wichtig für Frauen?