Wenn der Einbeinstand mehr verrät als der Blutdruck
Was eine große Studie aus Taiwan über körperliche Fitness und Lebenserwartung im Alter zeigt
Einleitung
Wie
lange ein Mensch lebt, hängt von vielen Dingen ab: von der Genetik, von
Vorerkrankungen, vom sozialen Umfeld, vom Zufall. Eine im August 2026 im
renommierten Fachjournal JAMA Network Open veröffentlichte Studie liefert nun
einen überraschend einfachen und zugleich sehr aussagekräftigen Anhaltspunkt:
Wer im höheren Lebensalter gut auf einem Bein stehen, sich zügig von einem
Stuhl erheben oder eine kurze Gehstrecke flott und sicher bewältigen kann, hat
ein deutlich geringeres Risiko, in den folgenden Jahren zu sterben – und das
unabhängig davon, was die Person selbst über ihre sportliche Aktivität
berichtet. Ein Forschungsteam um Min-Chen Wu, Chen-Te Hsu und Hsiu-Tao Hsu
untersuchte dafür mehr als 13.000 ältere Menschen in Taiwan über einen Zeitraum
von rund sieben Jahren. Die Ergebnisse sind nicht nur wissenschaftlich
bemerkenswert, sondern liefern auch sehr praktische Ansatzpunkte für alle, die
im Alter selbstständig und gesund bleiben möchten.
Die
Studie im Überblick
Bei
der Untersuchung handelt es sich um eine prospektive Kohortenstudie,
veröffentlicht als Original Investigation in der Rubrik Geriatrics von JAMA
Network Open (Band 9, Ausgabe 8). Die Wissenschaftler werteten die Daten von
13.423 selbstständig lebenden Erwachsenen ab 65 Jahren aus Taiwan aus. Das
mittlere Alter der Teilnehmenden lag bei rund 72 bis 73 Jahren, etwa 62,5
Prozent waren Frauen. Zwischen 2015 und 2016 absolvierten alle Teilnehmenden
eine standardisierte Fitnessmessung. Anschließend wurde erfasst, wie viele von
ihnen bis Ende 2022 verstarben – bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von
etwa sieben Jahren waren dies 1.631 Personen, also rund 12,2 Prozent der
Studienpopulation.
Das
Besondere an dieser Studie ist, dass die Fitness nicht – wie in vielen anderen
Untersuchungen – über Fragebögen zur körperlichen Aktivität erhoben wurde,
sondern durch objektive, standardisierte Tests direkt vor Ort. Das erlaubt es,
tatsächliche körperliche Leistungsfähigkeit von der subjektiven
Selbsteinschätzung der eigenen Aktivität zu trennen – ein entscheidender
methodischer Vorteil, wie sich im Ergebnis zeigen sollte.
Sieben
Tests, vier Fitness-Domänen
Um
die körperliche Leistungsfähigkeit möglichst umfassend abzubilden, kombinierten
die Forschenden sieben einzelne Tests aus vier Bereichen der Fitness.
Im
Bereich Balance und Agilität kam zum einen der Einbeinstand zum Einsatz: Die
Teilnehmenden sollten mit offenen Augen bis zu 30 Sekunden lang auf einem Bein
stehen. Zum anderen wurde der sogenannte 8-Foot-Up-and-Go-Test durchgeführt,
bei dem die Testperson von einem Stuhl aufsteht, eine Strecke von etwa 2,44
Metern zügig geht, umdreht, zurückgeht und sich wieder hinsetzt – ein Test, der
Gleichgewicht, Koordination, Beinkraft und alltagsrelevante Beweglichkeit
gleichzeitig erfasst.
Die
Muskelkraft wurde über zwei Tests gemessen: den 30-Sekunden-Chair-Stand-Test,
bei dem gezählt wird, wie oft sich eine Person innerhalb von 30 Sekunden aus
einem Stuhl erhebt und wieder hinsetzt, sowie einen 30-sekündigen Armbeuge-Test
mit einer leichten Hantel zur Erfassung der Oberkörperkraft.
Die
kardiorespiratorische Fitness, also die Ausdauerleistungsfähigkeit von Herz,
Kreislauf und Lunge, wurde mit einem zweiminütigen Step-Test erfasst, bei dem
auf der Stelle die Knie möglichst oft bis zu einer markierten Höhe angehoben
werden.
Ergänzt
wurde die Testbatterie um zwei Flexibilitätstests: einen Rückenkratz-Test zur
Beweglichkeit der Schultern sowie einen Sitz-und-Reach-ähnlichen Test, bei dem
die Teilnehmenden versuchen, mit den Händen die Zehen zu erreichen.
Die
zentralen Ergebnisse
Über
nahezu alle sieben Tests hinweg zeigte sich derselbe Zusammenhang: Je besser
jemand bei einer Übung abschnitt, desto geringer war das Sterberisiko in den
folgenden Jahren. Verglichen wurden dabei jeweils die Teilnehmenden mit den
besten Testergebnissen mit denen, die am schlechtesten abschnitten.
Am
deutlichsten fiel der Unterschied beim 8-Foot-Up-and-Go-Test aus: Wer hier zu
den Bestplatzierten zählte, hatte ein um 59 Prozent geringeres Sterberisiko als
die schwächste Gruppe. Beim Einbeinstand lag der Unterschied bei etwa 50
Prozent, beim Chair-Stand-Test zur Beinkraft bei rund 45 Prozent und beim
Step-Test zur Ausdauer bei rund 42 Prozent. Wurden alle sieben Testergebnisse
zu einem gemeinsamen Fitness-Score zusammengefasst, zeigte sich der stärkste
Effekt: Teilnehmende im fittesten Fünftel hatten ein um 61 Prozent geringeres
Sterberisiko als jene im am wenigsten fitten Fünftel.
Besonders
bemerkenswert: Diese Zusammenhänge blieben auch dann bestehen, wenn die
Forschenden statistisch für Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, Einkommen
beziehungsweise sozioökonomische Faktoren, bestehende Vorerkrankungen sowie die
selbst berichtete körperliche Aktivität kontrollierten. Nur rund ein Drittel
der Teilnehmenden gab überhaupt an, regelmäßig körperlich aktiv zu sein –
trotzdem lieferte die objektiv gemessene Fitness zusätzliche, von der
Selbstauskunft unabhängige Information über das Sterberisiko. Laut den
Studienautoren zeigten sich die konsistentesten und stärksten Zusammenhänge bei
Balance und Agilität, Beinkraft sowie kardiorespiratorischer Fitness.
Warum das
über die Studie hinaus relevant ist
In
der ärztlichen Praxis stützt sich die Einschätzung der gesundheitlichen
Situation älterer Patientinnen und Patienten meist auf Diagnoselisten,
Laborwerte und Selbstauskünfte zur Aktivität. Diese Studie legt nahe, dass ein
kurzer, objektiver Fitness-Check – wie er in wenigen Minuten mit einfachen
Mitteln durchführbar ist – zusätzliche, eigenständige Informationen über das
individuelle Sterberisiko liefern kann, die auf anderem Weg nicht ohne Weiteres
zugänglich sind. Die Autorinnen und Autoren formulieren es in ihrer
Zusammenfassung so: Die Einbindung objektiver Fitnesstests in die geriatrische
und allgemeinmedizinische Routineversorgung könnte helfen, Risiken besser
einzuschätzen und individuellere, funktionsorientierte Maßnahmen für ältere
Menschen abzuleiten.
Das
ist auch deshalb bedeutsam, weil körperliche Fitness – anders als etwa das
Lebensalter oder die Genetik – grundsätzlich veränderbar ist. Balance, Kraft
und Ausdauer lassen sich durch gezieltes Training in praktisch jedem Alter
verbessern, was diesen Befunden eine besonders praxisnahe Dimension verleiht.
Grenzen
der Studie
Bei
aller Klarheit der Ergebnisse handelt es sich um eine Beobachtungsstudie
(Kohortenstudie), keine kontrollierte Interventionsstudie. Das bedeutet: Die
gefundenen Zusammenhänge belegen eine statistische Assoziation, aber keine
gesicherte Kausalität. Es bleibt offen, ob ein gezieltes Fitnesstraining das
Sterberisiko tatsächlich senkt, oder ob schlechte Testergebnisse lediglich ein
Anzeichen für bereits bestehende, in der Untersuchung nicht vollständig
erfasste gesundheitliche Beeinträchtigungen sind, die sowohl die Fitness als
auch die Lebenserwartung unabhängig beeinflussen.
Hinzu
kommt, dass die Fitness nur zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen wurde;
Veränderungen der körperlichen Leistungsfähigkeit im Zeitverlauf blieben
unberücksichtigt. Auch die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen ist
nicht automatisch gegeben, da die Studie ausschließlich in Taiwan durchgeführt
wurde und kulturelle, gesundheitssystembezogene sowie genetische Unterschiede
zu anderen Regionen der Welt bestehen können. Schließlich beruhte die Angabe
zur körperlichen Aktivität, mit der die Fitnesswerte abgeglichen wurden, auf
Selbstauskunft und ist damit grundsätzlich fehleranfällig.
Was
bedeutet das für den Alltag?
Wer
wissen möchte, wo er selbst steht, kann einzelne der beschriebenen Tests – etwa
den Einbeinstand oder den Chair-Stand-Test – mit Vorsicht und im besten Fall in
Begleitung zu Hause ausprobieren. Wichtiger als der einmalige Test ist jedoch
die Erkenntnis, die aus der Studie folgt: Balance-, Kraft- und Ausdauertraining
sind keine Nebensache, sondern stehen in einem messbaren Zusammenhang mit der
Lebenserwartung. Regelmäßige Übungen zur Stärkung der Beinmuskulatur, zum
Training des Gleichgewichts sowie moderates Ausdauertraining wie zügiges Gehen
können daher ein sinnvoller Baustein sein, um im Alter länger selbstständig und
gesund zu bleiben. Vor der Aufnahme eines neuen Trainingsprogramms empfiehlt es
sich – insbesondere bei bestehenden Vorerkrankungen –, dies mit einer Ärztin
oder einem Arzt abzusprechen.
Fazit
Die
Studie von Wu, Hsu und Kolleginnen und Kollegen liefert einen starken, gut
kontrollierten Hinweis darauf, dass objektiv gemessene körperliche Fitness –
insbesondere Balance, Beinkraft und Ausdauer – bei älteren Menschen enger mit
dem Sterberisiko zusammenhängt als bislang aus reinen Aktivitätsbefragungen
bekannt war. Auch wenn Kausalität nicht abschließend bewiesen ist,
unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig einfache, alltagsnahe
Fitnesskomponenten für ein langes und selbstständiges Leben sein können – und
liefern ein weiteres gutes Argument dafür, in jedem Alter in Beweglichkeit,
Kraft und Ausdauer zu investieren.
Quelle: Wu
MC, Hsu CT, Hsu HT, et al. Physical Fitness and All-Cause Mortality in Older
Adults. JAMA Network Open. 2026;9(8). Zusätzlich ausgewertet: Berichterstattung
zur Studie bei McKnight's Long-Term Care News, Daily Voice und Yahoo
Health/Good Housekeeping.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen