Bis zum Muskelversagen trainieren? Was eine neue Studie über Kraft und Muskelaufbau wirklich zeigt
Warum der Geschwindigkeitsverlust an der Hantel entscheidet, ob ein Trainingsplan eher Kraft oder eher Muskelmasse liefert
Der Mythos vom Alles-Geben
Wer im
Kraftraum wirklich alles gibt, trainiert bis zum Muskelversagen – so lautet
eine der hartnäckigsten Überzeugungen im Krafttraining. Erst wenn die letzte
Wiederholung nicht mehr gelingt, hat man angeblich das Maximum aus einem Satz
herausgeholt. Diese Vorstellung ist tief verwurzelt in Trainingsratgebern,
Foren und Studios, und sie klingt plausibel: mehr Anstrengung, mehr Reiz, mehr
Ergebnis.
Eine 2026 in
Medicine & Science in Sports & Exercise veröffentlichte Studie mit 158
trainierten Männern stellt dieses Dogma differenziert infrage. Nicht, weil
hartes Training nutzlos wäre, sondern weil die Studie zeigt, dass der Punkt, an
dem man einen Satz abbricht, kein einzelnes Optimum hat, sondern eine echte
Weichenstellung ist: Wer früher aufhört, gewinnt an Maximalkraft. Wer bis nahe
ans Versagen geht, gewinnt an Muskelmasse. Beides gleichzeitig zu maximieren,
ist offenbar nicht möglich – man muss sich entscheiden, wonach man trainiert.
Gemessen
wird dieser Abbruchpunkt nicht über Gefühl oder Zählen der „Wiederholungen in
Reserve“, sondern über etwas Objektives: die Geschwindigkeit, mit der die
Hantel bewegt wird.
Was ist „Geschwindigkeitsverlust“
(Velocity Loss)?
Innerhalb
eines Satzes wird die Hantel von Wiederholung zu Wiederholung langsamer bewegt,
weil die Muskulatur ermüdet. Diese Verlangsamung lässt sich mit einem
Geschwindigkeitssensor oder einer entsprechenden App exakt messen und wird als
Prozentwert ausgedrückt: der Geschwindigkeitsverlust (englisch „velocity loss“,
kurz VL) gibt an, wie stark die Bewegungsgeschwindigkeit im Vergleich zur
ersten, noch frischen Wiederholung gefallen ist, wenn die Hantel abgelegt wird.
Ein
Geschwindigkeitsverlust von 25 Prozent bedeutet, dass die letzte Wiederholung
noch drei Viertel so schnell bewegt wurde wie die erste. Bei 50 Prozent bewegt
sie sich nur noch halb so schnell – ein Punkt, der nahe an dem liegt, an dem
tatsächlich nichts mehr zu bewegen ist, also nahe am echten Muskelversagen.
Weil dieser Wert gemessen und nicht geschätzt wird, leistet er denselben Dienst
wie das verbreitete Konzept der „Reps in Reserve“ (RIR) – mit dem Unterschied,
dass er nicht davon abhängt, wie ehrlich jemand die eigene Anstrengung
einschätzt. Velocity Loss ist damit ein objektiver Echtzeit-Indikator dafür,
wie nah ein Satz tatsächlich am Versagen war.
Die Physiologie hinter der
Weichenstellung
Warum sollte
der Abbruchpunkt eines Satzes überhaupt Kraft und Muskelmasse unterschiedlich
beeinflussen? Die Antwort liegt in der Ermüdung selbst. Je länger ein Satz
dauert, desto mehr ist die Muskulatur gezwungen, auch die größten und
schnellsten motorischen Einheiten zu rekrutieren, und desto stärker fällt die
metabolische Störung im Muskel aus – jener Zustand aus Stoffwechselprodukten
und Zellstress, der als einer der Auslöser für Muskelwachstum gilt. Das
erklärt, warum längere, weiter ausgereizte Sätze tendenziell mehr Gewebezuwachs
erzeugen.
Der Preis
dafür sind die letzten, quälend langsamen Wiederholungen am Ende eines solchen
Satzes. Wird ein Satz regelmäßig bis in diesen Bereich hinein trainiert,
gewöhnt sich das Nervensystem an genau diese Langsamkeit – es trainiert das
„falsche Ende“ der Kraft-Geschwindigkeits-Beziehung, also jenen Bereich, in dem
viel Kraft nur noch sehr langsame Bewegung erzeugt. Wer dagegen früher
abbricht, hält jede einzelne Wiederholung eines Satzes schnell, beansprucht
bevorzugt die schnellsten Muskelfasertypen und scheint dadurch genau jene
neuromuskuläre Koordination zu schützen, die sich als Maximalkraft äußert.
Die Studie im Detail: 158 Männer,
zwölf Bankdrück-Programme, acht Wochen
Die zentrale
Studie randomisierte 158 krafttrainierte Männer auf zwölf verschiedene
Bankdrück-Trainingsprogramme über acht Wochen. Das Design kombinierte
systematisch drei Lastbereiche mit vier unterschiedlichen Abbruchregeln
(Geschwindigkeitsverlust-Grenzwerten), sodass jede Gruppe eine eigene
Last-Abbruch-Kombination trainierte – bei rund 158 Teilnehmenden auf zwölf
Gruppen verteilt also etwa dreizehn Männer pro Gruppe.
Zwei
Ergebnisebenen lassen sich klar trennen. Erstens: Die Trainingslast war der
wichtigste Einflussfaktor überhaupt. Training im Bereich von 70 bis 85 Prozent
des Einwiederholungsmaximums (1RM) erzeugte über alle gemessenen Größen hinweg
die besten Ergebnisse – beim Muskelquerschnitt der Brustmuskulatur, beim 1RM im
Bankdrücken, bei der Hantelgeschwindigkeit unter submaximalen Lasten und bei
der Zahl der bis zum Versagen möglichen Wiederholungen.
Zweitens,
und darunterliegend: Innerhalb dieses optimalen Lastbereichs entschied die
Abbruchregel darüber, welches Ergebnis besonders profitierte. Ein zugelassener
Geschwindigkeitsverlust von 50 Prozent – also Sätze, die nahe ans echte
Muskelversagen herangeführt wurden – erzeugte das größte Muskelwachstum und die
größte Wiederholungsausdauer. Ein Abbruch bereits bei 25 Prozent
Geschwindigkeitsverlust – also deutlich vor dem Versagen – erzeugte dagegen den
größten Zuwachs an Maximalkraft.
Kein Einzelfund: Die
Vorläuferstudie von 2017
Bemerkenswert
ist, dass genau dieses Muster bereits einmal beschrieben wurde – von derselben
Forschungsgruppe, an einer anderen Übung. 2017 verglich dasselbe Team in der
Zeitschrift Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports einen
Geschwindigkeitsverlust von 20 gegenüber 40 Prozent in der Kniebeuge, ebenfalls
über acht Wochen, bei 22 Männern mit einer Ausgangs-1RM von rund 106 Kilogramm.
Die Gruppe
mit der strengeren, früheren Abbruchregel (20 Prozent Geschwindigkeitsverlust)
erzielte einen Kraftzuwachs von 18,0 Prozent im Kniebeugen-1RM, die Gruppe mit
der weiter ausgereizten Abbruchregel (40 Prozent) kam auf 13,4 Prozent – bei
gleichzeitig 40 Prozent weniger absolvierten Wiederholungen in der
20-Prozent-Gruppe. Bei der Sprunghöhe im Countermovement Jump verbesserte sich
die früher abbrechende Gruppe um 9,5 Prozent, statistisch signifikant, während
die andere Gruppe nur 3,5 Prozent zulegte, ohne statistische Signifikanz.
Beim
Muskelwachstum drehte sich das Bild jedoch um: Die Gruppe mit dem höheren
Geschwindigkeitsverlust zeigte eine deutlich stärkere Hypertrophie der vorderen
Oberschenkelmuskulatur (Musculus vastus lateralis und intermedius) von 9,0
Prozent gegenüber 3,4 Prozent in der früher abbrechenden Gruppe. Zusätzlich
verschob sich in dieser Gruppe die Faserzusammensetzung weg vom schnellsten
Fasertyp IIX (von 14,6 auf 7,2 Prozent), während dieser Anteil in der früh
abbrechenden Gruppe weitgehend unverändert blieb. Andere Übung, siebenfache
Stichprobengröße pro Vergleichsarm – und dasselbe Grundmuster: früher abbrechen
begünstigt Kraft und Schnelligkeit, weiter ausreizen begünstigt Muskelmasse,
auf Kosten der schnellsten Fasern.
Einordnung in die breitere
Forschung
Dass die
Trainingslast eine zentrale Stellschraube ist, deckt sich mit einer viel
zitierten Meta-Analyse von Schoenfeld und Kollegen aus dem Jahr 2017 im Journal
of Strength and Conditioning Research, die systematisch Trainings mit
niedrigeren und höheren Lasten verglichen hat. Dort zeigte sich im Mittel über
viele Studien hinweg ein Vorteil höherer Lasten für die Maximalkraft, während
sich der Hypertrophie-Effekt bei angeglichenem Trainingsvolumen zwischen den
Lastbereichen oft annäherte. Die neue Bankdrück-Studie geht insofern über
diesen älteren Befund hinaus, als hier auch beim Muskelwachstum der höhere
Lastbereich (70 bis 85 Prozent 1RM) am besten abschnitt – ein Hinweis darauf,
dass die Abbruchregel und nicht allein die Last darüber entscheidet, wie stark
sich Kraft- und Wachstumsreize unterscheiden lassen.
Die Frage,
wie nah man generell ans Muskelversagen herangehen sollte, wurde 2024 auch in
einer breit angelegten Serie von Meta-Regressionen von Robinson und Kollegen im
Fachjournal Sports Medicine untersucht, die zahlreiche Studien über die
geschätzte Nähe zum Versagen (ausgedrückt in Reps in Reserve) auswertete. Das
Ergebnis war gemischt: Für die Maximalkraft überspannten die
Konfidenzintervalle den Nullpunkt, was auf einen vernachlässigbaren
Zusammenhang zwischen Versagensnähe und Kraftzuwachs hindeutet. Für die
Muskelhypertrophie hingegen fiel der Zusammenhang negativ und statistisch
belastbarer aus – ein Training näher am Versagen ging tendenziell mit mehr
Wachstum einher. Allerdings betonen die Autor:innen selbst, dass die Modellgüte
insgesamt nur „mäßig“ war und viel Streuung unerklärt blieb, sodass die genaue
Form dieses Zusammenhangs offenbleibt.
Aus
derselben spanischen Forschungslinie ist 2026 zudem eine Arbeit von
Tundidor-Duque und Kollegen in Scandinavian Journal of Medicine & Science
in Sports erschienen, die den Geschwindigkeitsverlust im Kontext von
kombiniertem Kraft- und Ausdauertraining weiter untersucht. Sie zeigt vor
allem, wie aktiv und methodisch konsistent dieses Forschungsfeld derzeit
bearbeitet wird – mit Geschwindigkeitsmessung als gemeinsamem, objektivem
Steuerungsinstrument über verschiedene Trainingsformen hinweg.
Grenzen der Studie: Was man
daraus nicht lesen sollte
So klar das
Muster erscheint, verdient es einen nüchternen Blick auf die Grenzen der
zentralen Studie.
● Population
und Übung: Untersucht wurden ausschließlich trainierte junge Männer, und zwar
nur beim Bankdrücken. Eine automatische Übertragung auf Kniebeugen, auf
Anfängerinnen und Anfänger, auf Frauen oder auf ältere Trainierende ist damit
nicht gerechtfertigt – auch wenn die Kniebeugen-Studie von 2017 in eine
ähnliche Richtung weist.
● Stichprobengröße
pro Gruppe: 158 Personen verteilt auf zwölf Gruppen ergeben im Schnitt nur etwa
dreizehn Teilnehmende pro Last-Abbruch-Kombination. Das reicht statistisch nur
aus, um die größten Unterschiede sicher zu erkennen; die feinere Rangfolge innerhalb
des Gesamtrasters sollte deshalb mit Vorsicht betrachtet werden.
● Trainingsdauer:
Acht Wochen sind kurz genug, dass frühe neuronale Anpassungen das Bild noch
dominieren, während strukturelle Veränderungen der Muskulatur gerade erst
beginnen. Ob sich das beobachtete Muster über Monate oder Jahre in dieser Form
fortsetzt, ist offen.
● Berichtete
Größenordnung: Die veröffentlichte Zusammenfassung nennt Richtungen der
Effekte, aber keine genauen Effektstärken. Wie viel besser 25 Prozent
Geschwindigkeitsverlust tatsächlich für die Kraft war, oder 50 Prozent für die
Muskelmasse, wird nicht beziffert.
● Statistische
Auswertung als Haupteffekte: Last und Abbruchregel wurden als zwei getrennte
Haupteffekte ausgewertet. Die korrekte Lesart ist deshalb, dass schwere Last
und Abbruchregel jeweils für sich wirkten – nicht, dass eine bestimmte einzelne
Zelle des Zwölf-Gruppen-Rasters als „die beste Kombination“ gekürt wurde.
Eine
breitere Analyse der Versagensnähe über die gesamte Fachliteratur hinweg
(Robinson et al., 2024) bestätigt zudem, dass die Dosis-Wirkungs-Modelle
insgesamt nur mäßig zu den Daten passen und die Konfidenzintervalle für die
Kraft weit genug streuen, um die genaue Form dieses Zusammenhangs
offenzulassen. Kurz gesagt: Das Grundmuster ist über zwei Studien derselben
Gruppe und eine unabhängige Übung hinweg konsistent, aber die genauen Zahlen
sollte man nicht überinterpretieren.
Praktische Konsequenzen: Was
heißt das für das eigene Training?
Die Last ist
die wichtigste Entscheidung, und diese Studie spricht für schwer – ein Bereich
von 70 bis 85 Prozent des Einwiederholungsmaximums diente sowohl der Kraft als
auch dem Muskelwachstum am besten. Wer regelmäßig mit deutlich leichteren
Lasten und vielen Wiederholungen trainiert, verschenkt nach diesen Daten
potenziell Ergebnisse in beide Richtungen.
Die
Abbruchregel ist die zweite Entscheidung, und sie ist ein echter Zielkonflikt,
keine Frage von Anstrengung oder Disziplin. Wer den Satz beendet, während die
Hantel noch vergleichsweise zügig bewegt wird, lässt dabei kein Ergebnis liegen
– er oder sie entscheidet sich lediglich für Kraft statt für Muskelmasse.
Wer vor
allem einen größeren, muskulöseren Brustkorb aufbauen möchte, sollte sich
bewusst auf die langen, langsamen Sätze einlassen und Wiederholungen bis nahe
an einen Geschwindigkeitsverlust von 50 Prozent zulassen – praktisch nahe am
echten Muskelversagen. Wer dagegen vor allem die Maximalkraft im Bankdrücken
steigern möchte, sollte die Hantel früher ablegen, als es das Bauchgefühl
nahelegt – bei einem Geschwindigkeitsverlust von etwa 25 Prozent, also während
die Stange noch drei Viertel ihrer Ausgangsgeschwindigkeit erreicht. Die
dadurch eingesparten Wiederholungen lassen sich sinnvoll in einen zusätzlichen
Satz investieren, statt sie im letzten, langsamen Rest eines einzelnen Satzes
zu verbrauchen.
Wer keinen
Geschwindigkeitssensor besitzt, kann sich behelfsweise an der gefühlten Nähe
zum Versagen orientieren: Ein Geschwindigkeitsverlust von rund 25 Prozent liegt
in der Regel bei mehreren Wiederholungen Abstand zum tatsächlichen Versagen,
während 50 Prozent Geschwindigkeitsverlust dem Abbruch sehr nahekommt. Ideal
lässt sich der Wert jedoch nur mit einem entsprechenden Messgerät oder einer
App bestimmen, da die subjektive Einschätzung der eigenen Anstrengung
erwiesenermaßen stark variiert.
Fazit
Bis zum
Muskelversagen zu trainieren gilt vielen als die ehrlichste, härteste und damit
beste Form des Krafttrainings. Diese und die vorangegangene Studie derselben
Arbeitsgruppe zeichnen ein differenzierteres Bild: Wer ganz bis ans Limit geht,
baut mehr Muskelmasse auf. Wer deutlich früher abbricht, baut mehr Maximalkraft
und Schnellkraft auf – bei weniger Wiederholungen und wahrscheinlich geringerer
Ermüdung. Beides ist richtig, aber es sind zwei unterschiedliche Ziele mit zwei
unterschiedlichen Wegen dorthin. Die Last sollte in jedem Fall im
mittelschweren bis schweren Bereich liegen; wo der Satz endet, ist die
Entscheidung, die zwischen Kraft und Größe unterscheidet.
Quellen
Pareja-Blanco, F. et al. Optimizing Strength and Hypertrophy: The
Combined Effect of Intensity and Velocity Loss Thresholds in Bench Press
Training. Medicine & Science in Sports & Exercise 2026; 58(8):
1773–1781. PMID 41872733.
Pareja-Blanco, F. et al. Effects of velocity loss during resistance
training on athletic performance, strength gains and muscle adaptations.
Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports 2017; 27(7): 724–735.
PMID 27038416.
Schoenfeld, B. J. et al. Strength and Hypertrophy Adaptations Between
Low- vs. High-Load Resistance Training: A Systematic Review and Meta-analysis.
Journal of Strength and Conditioning Research 2017; 31(12): 3508–3523. PMID
28834797.
Robinson, Z. P. et al. Exploring the Dose-Response Relationship Between
Estimated Resistance Training Proximity to Failure, Strength Gain, and Muscle
Hypertrophy: A Series of Meta-Regressions. Sports Medicine 2024; 54(9):
2209–2231. PMID 38970765.
Tundidor-Duque et al. Velocity Loss During Resistance Training: Implications
for Concurrent Training Adaptations. Scandinavian Journal of Medicine &
Science in Sports 2026; 36(3): e70265. PMID 41855389.

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