Frauen müssen anders als Männer trainieren!
Schon vor
Beginn der neuen Bundesliga Saison der Frauen war klar: Diese Saison wird ohne
Lena Oberdorf stattfinden. Die 23-jährige Nationalspielerin hatte sich bei einem
Vorbereitungsspiel zum zweitem Mal innerhalb von 2 Jahren am Kreuzband und
Innenband verletzt. Klar, solche Verletzungen passieren im Profisport
regelmäßig. Schließlich sind die schnellen Bewegungen und die Kräfte, die auf
Knochen, Sehnen und Muskeln wirken, eine immense Belastung für den Körper.
Aber:
Frauen im Leistungssport haben achtmal häufiger Kreuzbandrisse als Männer. Und
das hat mehrere Gründe.
Frauenkörper
sind anders gebaut
Im
Durchschnitt sind Frauen leichter, kleiner und sie haben kürzere Arme und Beine
als Männer. Zudem gibt es Unterschiede in den Muskeln: Die Fasern der
Skelettmuskeln in Männerkörpern zeigen einen größeren Querschnitt, sie können
sich schneller und kräftiger zusammenziehen.
Und
männliche Sportler setzen insgesamt mehr Muskeln an. Sportlerinnen hingegen
haben einen etwa fünf bis zehn Prozent höheren Fettanteil im Körper. Damit
nicht genug: Lunge und Herz in Frauenkörpern sind im Schnitt kleiner, Frauen
haben insgesamt weniger Blut und rote Blutkörperchen.
Unterschiede
bei schnellen und kraftvollen Sportarten
Diese
anatomischen Unterschiede führen dazu, dass erwachsene Männer in bestimmten
Sportarten schneller, kraftvoller und – kurzfristig – ausdauernder sind. Dieser
geschlechtsspezifische Leistungsunterschied beträgt sogar bis zu 30 Prozent –
je nach Sportart.
Dazu gehören
etwa Gewichtheben und Sprinten; also Sportarten, die in erster Linie auf
Muskelkraft und Schnelligkeit bauen. In solchen Disziplinen haben Sportler auch
dann Vorteile, wenn sie gegen gleich schwere Athletinnen antreten.
Es gibt aber
auch Ausnahmen: Kommt es beispielsweise auf Geschicklichkeit und technische
Fähigkeiten an, wie etwa beim Bogenschießen, sind die Leistungsunterschiede
zwischen Frauen und Männern nur minimal.
Spannend: Je
länger die Distanzen, etwa beim Schwimmen, umso mehr schrumpft der Vorteil der
Sportler. Die Muskeln der Frauen sind ermüdungsresistenter als die der Männer.
Das macht sie ideal für Ausdauerleistungen.
Bei
Ultradistanz-Schwimmwettkämpfen, die über mehr als 30 Kilometer gehen und
außerdem in relativ kühlem Wasser stattfinden, können Profisportlerinnen ihre
männlichen Mitbewerber sogar übertreffen.
Der
biologische Unterschied
Natürlich
gelten diese Unterschiede immer nur im Mittel. Es gibt große, kräftig gebaute
Frauen mit vielen Muskeln ebenso wie eher kleinere Männer mit schmalem
Körperbau.
Die
beschriebenen Unterschiede beziehen sich zudem auf das sogenannte biologische
Geschlecht. Das definiert die Wissenschaft mithilfe der Geschlechtschromosomen:
Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom.
Diese
genetische "Voreinstellung" sorgt dafür, dass Frauen- und
Männerkörper sich ab der Pubertät unterschiedlich entwickeln und
geschlechtsspezifische Merkmale entwickeln, etwa eine tiefere Stimme bei
Männern. Einen großen Einfluss auf diese Entwicklungen haben die zahlreichen
Hormone im Körper, etwa Wachstumshormone; vor allem aber solche, die wir als
Geschlechtshormone kennen.
Frauen
haben mehr Östrogene und weniger Testosteron
Der Begriff
Geschlechts- oder auch Sexualhormone ist irreführend, denn beide biologischen
Geschlechter bilden sowohl typisch "weibliche" als auch
"männliche" Hormone. Zu ihnen gehören die Östrogene und das
Testosteron.
In der
Pubertät steigt bei Jungen der Testosteronspiegel sprunghaft an. Er ist dann
bis zu 30-mal höher als bei Kindern und bleibt auch bis ins hohe Alter höher
als bei Frauen. Erwachsene Männer haben etwa 15-mal mehr Testosteron im Körper
als Frauen. Testosteron gilt als anregendes Hormon, es fördert den Aufbau von
Proteinen und somit auch von Muskeln.
Bei Mädchen
nehmen in der Pubertät die Östrogene zu, in ihrer fruchtbaren Phase haben sie
rund fünfmal mehr Östrogene als Männer in ihrem Körper. Das wirksamste
natürliche Östrogen ist Östradiol. Wichtig sind Östrogene für beide
biologischen Geschlechter, etwa für die Gesundheit der Knochen und das
Immunsystem.
Menstruationszyklus:
Die Hormone schwanken
Im Laufe des
Menstruationszyklus schwanken die Konzentrationen verschiedener Hormone im
Körper biologischer Frauen stark. Der Östradiolspiegel etwa steigt nach der
Monatsblutung stetig an, erreicht um den Eisprung seinen Höhepunkt und fällt
danach wieder ab. Das Geschlechtshormon Progesteron wiederum wird hauptsächlich
in der zweiten Zyklushälfte, also nach dem Eisprung, gebildet.
Das
beeinflusst auch die körperliche Leistungsfähigkeit: Östradiol fördert die
Verwertung freier Fettsäuren im Körper und steigert die Fähigkeit der Muskeln,
Glykogen zu speichern – und damit den Energievorrat aufzustocken. Es gilt als
anregendes Hormon. Progesteron hingegen wird häufig als Östrogen-Gegenspieler
bezeichnet: Es erhöht die Herzfrequenz und die Körpertemperatur und fördert den
Verbrauch des Energiespeicherstoffs Glykogen.
Frauen
verletzen sich anders
Kommen wir
zurück zum Kreuzbandriss beim Fußball, der Frauen häufiger trifft als Männer.
Auch das Risiko für sogenannte Stressfrakturen –
Knochenbrüche, die schleichend nach andauernder Überlastung auftreten – ist bei
Sportlerinnen erhöht, nämlich dreimal höher als bei Sportlern.
Einige der
Unterschiede lassen sich allein dadurch erklären, dass Frauenkörper anders
gebaut sind als die von Männern. Das weibliche Becken beispielsweise ist
breiter, Frauen neigen deshalb zu X-Beinen. Die Folge: Knie drehen sich
leichter nach innen – und das vordere Kreuzband kann reißen.
Diese
anatomischen Unterschiede sind aber nicht der einzige Grund dafür, dass Frauen
sich schneller verletzen.
Es gibt
zu wenig Forschung zu Frauen im Leistungssport
Vor allem
das Testosteron bringen Fachleute mit den größtenteils höheren sportlichen
Leistungen männlicher Athleten in Verbindung. Auch bei Frauen wirkt sich
Testosteron aus: In einer 2017 veröffentlichten Studie mit mehr als 1000
Leichtathletinnen schnitten diejenigen mit einem hohen Testosteronwert etwa
beim Hürdenlauf und Stabhochsprung besser ab als Frauen mit einem niedrigen
Testosteronwert.
Aber:
Fachleute kritisierten diese Studie wegen der Art und Weise, wie die
Testosteronwerte bestimmt und ausgewertet wurden. Weitere Forschung sei
dringend nötig, so ihr Fazit.
Das
offenbart ein riesiges Dilemma: Es gibt zu wenige gut durchgeführte
wissenschaftliche Studien, die sich mit weiblichen Athletinnen beschäftigen.
Zwei Drittel der sportwissenschaftlichen Studien schauen sogar ausschließlich
auf Männer. Das hat historische Gründe, denn lange galt Profisport als reine
Männerdomäne.
Generell
werden zu wenige Daten zu Frauen erhoben
Eine
solche Gender-Data-Gap gibt es auch in zahlreichen anderen
Studiendisziplinen, in denen verlässliche Daten rund um das weibliche
Geschlecht schlichtweg fehlen. Das verzerrt die wissenschaftliche Studienlage.
Denn: In den wenigsten Fällen können Ergebnisse männlicher Studienteilnehmer
eins zu eins auf Frauen übertragen werden.
Das sieht
auch Petra Platen so: "Der ganze Aspekt der geschlechts- und
gendersensiblen Medizin ist im Leistungssport noch nicht in vollem Maße
angekommen." Die Sportmedizinerin leitet den Lehrstuhl für Sportmedizin
und Sporternährung der Ruhr-Universität Bochum. Viele Empfehlungen für
Trainingspläne der Sportlerinnen etwa würden nach wie vor von denen der Männer
abgeleitet. Sie sagt: "Es ist noch viel zu tun."
Das Fehlen
guter Studien führt zu Wissenslücken. Beispielsweise wird zwar angenommen, dass
die hormonellen Schwankungen durch den Menstruationszyklus die sportlichen
Leistungen von Athletinnen beeinflussen. Genau wissen wir es aber nicht, denn
systematische Analysen der Studienliteratur liefern widersprüchliche
Ergebnisse.
Eine sehr
umfangreiche Metanalyse aus dem Jahr 2020 etwa zeigt nur minimale Schwankungen
der sportlichen Leistungen im Verlauf des Menstruationszyklus und resümiert,
dass diese wahrscheinlich eine kleinere Rolle spielen als etwa die Temperaturen
am Tag eines Wettkampfs oder individuelle Unterschiede.
Zum Beispiel
ist bekannt, dass biologische Frauen vor und während der Blutungen unter
starken Schmerzen, Krämpfen und Unwohlsein leiden können. Diese Faktoren können
die Tagesform sehr wohl beeinflussen und zu einer relativ
"schlechteren" Leistung führen.
Wissenslücken
schaden der Gesundheit der Sportlerinnen
Fehlendes
Wissen schadet der Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern. Das zeigt sich
besonders beim sogenannten Relativen Energiedefizit-Syndrom (RED-S).
So bezeichnen Fachleute einen Zustand, bei dem Athletinnen und Athleten ihrem
Körper über längere Zeit zu wenig Energie zuführen.
Bekannt
wurde das Phänomen in den 1990er-Jahren als "Triade der weiblichen
Athleten" beziehungsweise "Triade der sporttreibenden Frau".
Denn – so lautete die Definition – der dauerhafte Energiemangel erhöhe das
Verletzungsrisiko, führe zu Zyklusstörungen und reduziere die Knochendichte.
Mittlerweile
ist aber klar, dass die Folgen des RED-S weitreichender sind. Nach Verletzungen
zum Beispiel genesen unterversorgte Sportlerinnen langsamer und selbst die
Leistungsfähigkeit im Allgemeinen ist reduziert. Und: Ebenso ist inzwischen
anerkannt, dass RED-S kein rein weibliches Phänomen ist. Auch männliche
Sportler können betroffen sein, wenngleich deutlich weniger als Frauen.
"Ästhetische
Sportarten" können Essstörungen bei Frauen fördern
"Vor
allem in sogenannten ästhetischen Sportarten, bei denen es stark auf das
Gewicht ankommt, treten in Verbindung mit RED-S auch häufiger Essstörungen
auf", erklärt Petra Platen. Die betroffenen Athletinnen würden sich
regelrecht auf ein angestrebtes Gewicht herunterhungern.
Ein
langanhaltender Energiemangel wiederum stört den Hormonhaushalt der
Sportlerinnen. "Der Östrogenspiegel zum Beispiel ist dauerhaft viel zu
niedrig", sagt die Sportmedizinerin. Die Menstruation bleibt aus.
"Das ist aber immer ein Warnsignal", sagt Platen, und vor allem
eines, das man auf gar keinen Fall mit der Einnahme von Hormonpräparaten wie
der Pille maskieren sollte. "Das Ausbleiben der Monatsblutung muss immer
ärztlich abgeklärt werden."
Ansonsten
drohen schwere körperliche Schäden. Ist die Konzentration an Östrogenen – und
auch Testosteron – dauerhaft zu niedrig, verlieren Knochen an Stabilität. Das
führt nicht nur zu einem höheren Risiko für Stressfrakturen. Eine mögliche
Langzeitfolge ist eine Osteoporose, selbst bei vergleichsweise jungen
Sportlerinnen.
Neuste Beispiel
ist US Profi Radfahrerin Veronica Ewers .
Bei Ewers wurde Anfang 2024 ein Relatives Energiedefizit im Sport
(RED‑S) diagnostiziert.
Trotz
längerer Pause 2024 und medizinischer Betreuung blieben ihre Hormonwerte
stark beeinträchtigt.
Vor der
Saison 2026 zeigten Bluttests erneut klare RED‑S‑Anzeichen und auch schon
Anzeichen von Entmineralisierung von Knochensubstanz . Daraufhin lösten Team
und Fahrerin den Vertrag auf, um ihre Gesundheit langfristig zu schützen.
Petra Platen
betont: "Ist bei Leistungssportlerinnen der Zyklus unregelmäßig oder
bleibt sogar aus, müssen deshalb immer Ernährung und Training angepasst
werden."
Frauen
können ihr Verletzungsrisiko durch gezieltes Training senken
Vom
Grundprinzip her gilt: Ein Körper muss gestresst werden, damit er sich anpasst.
Nichts anderes ist Training. Und dieses Prinzip gilt für Frauen und Männer
gleichermaßen. Dennoch: Der Weg dorthin sollte unterschiedlich sein, lautet
mittlerweile die einhellige Meinung der Fachwelt.
Sportmedizinerin
Petra Platen nennt als Beispiel eine Untersuchungsserie, die im Jahr 2023 mit
norwegischen Profihandballerinnen durchgeführt wurde. "Beim Handball ist
das Risiko für Kreuzbandrisse ähnlich hoch wie beim Fußball", sagt sie.
Das Studienteam entwickelte ein propriozeptives Trainingsprogramm. Dabei werden
gezielt die Balance und Koordination gefördert.
Für die
Handballerinnen bedeutete dies: Viel mit dem Ball arbeiten, auf unebenen und
instabilen Untergründen trainieren. Platen sagt: "Das schult die
Körperwahrnehmung." Die Rate an Kreuzbandverletzungen in den ersten und
zweiten norwegischen Handballligen sank deutlich. "Derart angepasstes
Training muss noch viel mehr stattfinden oder sogar Standard im
Frauenmannschaftssport werden", sagt Platen.
Training
mit dem Menstruationszyklus
Wenn der
Gehalt an Östradiol und Testosteron im Körper besonders hoch ist, fühlen sich
Sportlerinnen häufig besonders leistungsfähig und motiviert – beste Zeit für
ein besonders intensives Training. Petra Platen ist überzeugt: "Es
zeichnet sich ab, dass die Leistungsfähigkeit für hochintensives Training rund
um den Eisprung am höchsten ist." Aktuelle Forschungen würden
dies bestätigen. Sinkt nach dem Eisprung der Östradiolgehalt, übernimmt das
Progesteron. Sportlerinnen profitieren in dieser Phase eher von einem
langsameren Ausdauertraining.
Wir
brauchen weibliche Vorbilder im Profisport
In einem
weltweit beachteten Leitartikel merkten im Jahr 2023 führende Personen aus der
Wissenschaft an, dass weniger als ein Viertel aller führenden Autorinnen und
Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen in der Sportmedizin weiblich
sind. Außerdem seien weniger als 25 Prozent der Führungspositionen der
sportwissenschaftlichen Fachzeitschriften mit Frauen besetzt.
Und: Weniger
als 20 Prozent der professionellen Sportteams in den USA haben
Mannschaftsärztinnen. Das Wissenschaftsteam resümierte: "Die
Unterrepräsentation von weiblichen Teilnehmerinnen, Klinikerinnen und
Forscherinnen in der Sport- und Bewegungsmedizin kann sich nachteilig auf den
Bereich und die darin tätigen Frauen auswirken."
ehlen
Vorbilder – für junge Sportlerinnen und Wissenschaftlerinnen –, scheuen sie den
Schritt in die Wissenschaft und den Profisport. Je sichtbarer die Frauen in den
jeweiligen Positionen werden, umso mehr Mädchen und junge Frauen können sie
motivieren.
Es tut
sich etwas
Petra Platen
bringt es auf den Punkt: "Dass im Profisport inzwischen überhaupt über den
Menstruationszyklus gesprochen wird, ist ein riesiger Fortschritt." Die
Sportmedizinerin beobachtet die Entwicklung zuversichtlich. Es bewege sich an
vielen Stellen etwas.
Die
Sichtbarkeit weiblicher Athletinnen steigt. So traten etwa bei den Olympischen
und Paralympischen Spielen 2024 in Paris das erste Mal seit Beginn der
Olympischen Spiele gleich viele weibliche und männliche Personen an.
Und: Die
Autorinnen und Autoren der Studie aus dem Jahr 2023 zur Unterrepräsentation von
Frauen in der Sport- und Bewegungsmedizin kritisierten unter anderem: "Auf
Konferenzen sind ausschließlich männliche Podiumsteilnehmer und Hauptredner
nach wie vor die Regel."
Kurz vor der
Fußball-EM der Frauen 2025 fand in Hamburg eine der größten Konferenzen für
Sportmedizin in Deutschland statt. Von den knapp 580 auf der Website
aufgeführten referierenden Personen waren immerhin rund 45 Prozent Frauen.
Das
Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat im Jahr 2023 einen
Forschungsschwerpunkt "Frauen und Mädchen im Leistungssport" (FeMaLe)
eingerichtet. Das Ziel: "Das Bewusstsein für die Belange von Frauen und
Mädchen im Leistungssport schärfen und mit Forschungsprojekten gezielt und
aktiv zur Aufhebung der geschlechtsspezifischen Forschungslücken und der
Unterrepräsentation weiblicher Athletinnen beitragen."
Es tut sich
also etwas. Dennoch ist weitere Forschung nötig, um Profisport auch für
Sportlerinnen noch sicherer – und sichtbarer – zu machen.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen